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Neuer Rekord

4 Nov

Als Höhepunkt einer standortpolitischen Konferenz in Estland wurde ein sogenanntes Tallinn Manifesto vorgestellt. Darin kommt auf ganzen elf Seiten Text geschlagene 137 x das Wort „creative“ vor. Wir gratulieren! Das Osterei ist auch sehr kreativ.

Über allem weht der Hauch von Kreativität

27 Okt

Mit Kreativität und Innovation aus Krise und Prekarisierung! Und immer schön positiv bleiben. Horray. Das „skurille Strategietheater“ im Ragnarhof. Kleine Lektüre eines großen Ankündigungstexts.

Unter dem Label MISCHAMUSCH – das skurille Strategietheater fährt der Wiener Ragnarhof aktuell eine Armee von hundert KünstlerInnen auf, die fünf Wochen lang eine Latte an Kurztheaterstücken entwickeln und aufführen.

„Skurill“ kommt jedenfalls immer gut. Vor allem wenn halbironisch im Veranstaltungstitel darauf hingewiesen wird. Und warum das „Strategietheater“ so strategisch schick heißt, wird irgendwie im Ankündigungstext erklärt. Denn es gibt gar fünf Strategien:

  • Strategie 1: Aufruf zur Kunst!
  • Strategie 2: „Jeder Mensch ist ein Künstler“ (Joseph Beuys)
  • Strategie 3: Kosmisches Chaos!
  • Strategie 4: KünstlerInnen verkaufen SICH!
  • Strategie 5: Sehen und gesehen werden

Klingt ja nett. Ein wenig Beuys, ein bissl kosmisches Chaos und ein paar Anspielungen auf „sich verkaufen“ und „sehen und gesehen werden“.

Aber dann kommts so richtig dicke. In den Unterabsätzen des Ankündigungstexts geht es nämlich keineswegs um diese „Strategien“. Vielmehr werden Kaskaden an halbseidenem Bullshit-Sprech abgefeuert, dass es einem nur so schwindelt:

Die „Innovation“ des Strategietheaters sei in den letzten fünf Jahren durch „kontinuierliche, nachhaltig kreative Arbeit“ entstanden. Es biete eine „außergewöhnliche Form des gemeinsamen Erlebens von Kunst“, rückblickend ließe sich ein „stetiges Wachstum der Idee des Strategietheaters erkennen“. Und „über allem weht der Hauch von Kreativität“. Eine „Trendwende von der negativen Entwicklung“ könne „nur durch Innovation und Kreativität herbei geführt“, eine „Krise“ könne auch gleichzeitig als „Neuanfang“ verstanden werden“. Außerdem wären sie „der festen Überzeugung, dass die von uns zu präsentierenden Kunstwerke, Theaterstücke und deren Inhalte einen positiven Impuls auf die Erfahrung von Innovation und Kreativität“ geben würde.

Eine Persiflage auf die Sprache zeitgenössischer Unternehmensberater und Industriellenvereinigung? Wohl kaum. Dazu ist der gesamte Text viel zu schwammig. Außerdem gehts schon um was:

Mit dem diesjähriges Thema der „wunderbaren Luftsprünge des Bewusstseins“ werde beabsichtigt, auf das „allgemeine Bewusstsein der Menschen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen hinzuweisen“ und irgendwie „positiv neu zu belegen“. Unter „wunderbaren Luftsprüngen“ verstehen sie die „Suche der Menschen nach unorthodoxen Auswegen aus vielleicht misslichen Lagen, von denen auch viele Kunsttreibende momentan betroffen sind.“

Mit Kreativität und Innovation aus Krise und Prekarisierung! Und immer schön positiv bleiben. Horray. Wäre interessant zu wissen, wie die „finanzielle Unterstützung“ aussieht, die das Festival den 100 KünstlerInnen „garantiert“ – neben dem garantierten „Raum für unabhängige künstlerische Arbeit“ natürlich.

Fazit: Entweder die haben vergessen, für die öffentliche Ankündigung einige Phrasen aus Förderantrag und Bank-Sponsoring-Pressetext zu entfernen. Oder die meinen das ernst. Alles. Da helfen weder ein paar Teelöffel Ironie noch hilflose Beliebigkeits-Disclaimer wie „alles ist inszeniert – oder täuscht den Anschein dessen vor“.

Überzeugendes Schlusswort des Mischamusch-Texts: „Wir inspirieren!“