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Stop Fighting. Start Dancing.

28 Dez

Die börsenotierte Werbeagentur M&C Saatchi mit dem schönen Slogan „Brutal Simplicity of Thought“ hat dieses Frühjahr sehr flott auf die „arabische Revolution“ reagiert und für Beirut Duty Free – also für den dortigen Flughafen – einen Flash Mob-artigen Werbe-Spot produziert, der beinahe zwei Millionen Youtube-Hits generiert hat:


Das Ding ist höchst professionell gefilmt und geschnitten, mit schöner Musik versehen, die fragenden Blicke und die Überraschung scheinbar Unbeteiligter werden eher halbherzig inszeniert. Dafür schließen sich selbst die Securities und andere Angestellte bald mal dem Flow an und verschmelzen mit den profanen Reisenden zu einer enthusiastischen Einheit im Rhythmus des Sounds. Rollenübergreifend ergibt sich eine grossartige Melange an jubilierenden, positiven Vibes.

Ähnlich wie bei anderen „viralen“ Marketing-Aktionen wie etwa dem von der gleichen Agentur umgesetzten T-Mobile Dance in der Liverpool Street Station von 2009 dominieren relativ komplexe Synchron-Choreografien mit einem bestimmten Grad an Nicht-Perfektion, der sich wohl nicht nur nicht nur durch die pragmatischen Herausforderungen der Produktion ergibt, sondern durchaus sehr gezielt dosiert ist.

Das Video wurde unter anderem vom pop-feministischen Blog-Unternehmen Amazing Women Rock unter dem Titel Stop Fighting. Start Dancing. Arabic Style gefeatured, auch darüber hinaus wurde der Spot sehr positiv wahrgenommen. Dabei drängt sich die Frage auf: wenn so ein Event nicht gerade vom Flughafen-Marketing selber veranstaltet würde, gäbe es dann nicht vielleicht innerhalb von Minuten einen Riot Police Einsatz, der sich gewaschen hat? Und zwar ohne überlebende Kameras und eigentlich ziemlich egal, ob dieser Flughafen in Beirut, Wien oder New York stünde?

Der Aufruf „Stop Fighting. Start Dancing“ bekommt durch die Verbindung des Veröffentlichungszeitpunkts während der Proteste im arabischen/nordafrikanischen Raum und der Wahl des Schauplatzes eine ganz eigene Konnotation. Flughäfen sind militarisierte Hochsicherheitstrakte und darum denkbar schlecht geeignete Räume für unangepasste Verhaltensweisen, noch schlimmer wenn viele Leute parallel anders agieren, als es der Ort gebietet. Der Slogan „If I can’t dance, it’s not my revolution“ – dieser gerne in verschiedenen Varianten zitierte antiautoritär-hedonistische Aufruf der feministisch-anarchistischen Ikone Emma Goldman – könnte da beinahe im Halse stecken bleiben.

Der Spot kommuniziert wie viele Zeichen-Konvolute in der liberalen Populärkultur sicherlich auch eine emanzipatorische Komponente – unabhängig davon, wer hier agiert, veranstaltet oder spricht. Leider veröffentlicht der Google-Konzern keine Statistiken über die regionale Aufteilung der Youtube-Views. Die Begeisterung für derartige Clips hat aber vermutlich auch andere Ursachen.

Vielleicht passt hier das Konzept der Interpassivität des feschen österreichischen Philosophen-Dandys Robert Pfaller ganz gut. In einer verspielten Abwandlung des 90er-Begriffs der „Interaktivität“ nimmt sein „interpassives“ Individuum eben nur passiv an irgendwelchen Aktivitäten Teil. In einer Art Flucht vor dem eigenen Genießen lässt das interpassive Subjekt andere stellvertretend für sich genießen.

Die Sitcom-Lacher aus der Konserve lachen anstatt dass selber gelacht werden muss, das Porno-Gestöhne und -Gefummel ersetzt die eigene Lust. Und wenn der Videorekorder die TV-Sendung eh schon aufgenommen hat, müssen die Video-Aufnahmen gar nicht mehr selber angesehen werden, das Gerät hat ja schon stellvertretend konsumiert und genossen, und so weiter. Das Genießen wird delegiert, an jemand anders oder gar an ein Ding.

Das Konzept der Interpassivität besticht durch Originalität, hat aber durchaus seine Schwächen und Widersprüche. Vielleicht kann aber die Begeisterung für diesen Spot trotzdem ganz gut als eine Art interpassiv-delegierter Genuß ausgelegt werden. Eine ganz und gar unmögliche Feier von Spontanität, Renitenz und Gemeinschaft im Hochsicherheitstrakt des Flughafens Beirut, das vom Publikum stellvertretend genossen wird.

Der Beirut-Dance ist natürlich nicht das einzige derartige Flughafen-Ding, mit der Phrase „flash mob airport“ finden sich auf  Youtube über 1000 Ergebnisse. Bitte um Hinweise, ob da auch Non-Corporate Events dabei sind. Beim rechtskatholischen gloria.tv gibts übrigens die ungestylte Version dieser Intervention, und darüber hinaus bei marketing-blog.biz eine dreiteilige Zusammenfassung der besten „viralen“ Spots von 2011, u.a. featuring Lenovo, MTV, Carlsberg, Stella Artois, Lego, WWF, Agent Provocateur, Crysler, Volkswagen, Greenpeace, Pepsi oder Hornbach.

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Schwächen im Bereich Selbstorganisation

20 Sep

Die Technologie des Selbstmanagements kann nie früh genug gelernt werden, vor allem als „kreativer Chaot“. Das letztwöchige Coverthema Richtig lernen des österreichischen Magazins Profil (37/2001) ist mit einem wie immer spektakulären Untertitel versehen: „Maximal zehn Prozent der Schulbildung bleiben in Erinnerung. Wie das österreichische System versagt“. Im Text gibts einiges an guter, richtiger und längst überfälliger Kritik an sinnlosen Drill-Lehrplänen, exzessiver Interesse-Austreibung und systematischer Neugier-Abtötung , aber auch gefällige ideologische Phrasen á la Industriellenvereinigung, die wehrlosen Testimonial-Kindern untergejubelt werden. Besonders schlimm hat es wohl der 11jährige Konstantin aus Wien 15 erwischt.

Die Kunst des konstanten Erfolgs

5 Jun

Als würdiges Start-Posting sei hier auf ein wunderbar passendes Interview des österreichischen Kunst-Superstars Erwin Wurm verwiesen, das prominent auf der Umschlagseite des Karriere-Teils im letzten Wochenend-Standard plaziert wurde. Das sehr persönliche Interview mit dem Herrn – der Platz 8 im Ranking der 100 wichtigsten heimischen Künstler des Wirtschaftsmagazins Format einnimmt – trägt den Übertitel Bildhauer mit Office.

Wurm vermittelt darin gekonnt und souverän gefällige Karriere-Einsichten über die Kunst des konstanten Erfolgs, bescheidene Erwartungslosigkeit, über die Wichtigkeit von Alternativszenarien und über „Krisen als Chance“. Wirtschafts-Coaching und Motivationstraining durch (Ex) Extrem-SportlerInnen funktioniert wahrscheinlich ähnlich, künstlerische Biographien bieten aber sicherlich einen ganz eigenen USP in Bezug auf die Sinn-Produktion. Nebenbei bemerkt kennt Wurm anscheinend nur männliche Kollegen, die sehr schnell wieder von der Bildfläche verschwunden seien und heute finanziell von ihrer Frau abhängig wären.

Die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ ist übrigens schon seit längerer Zeit bemüht, für die Cover-Seiten ihrer Immobilien- und Karriere-Beilagen geeignete Testimonials aus dem gehobenen (kreativ)wirtschaftlichen Feld zu gewinnen. Die allwöchentliche Beilage mit den hochpreisigen Wohnungen, mit den aktuellen Verkaufs-Announcen der großen Bauträger und den Hintergrund-Berichten über den Sektor der Business-Immobilien wird wöchentlich sehr inspirierend durch sogenannte Wohngespräche eingeleitet.

Diese anregenden, ganzseitigen „Schöner Wohnen“ Reportagen samt Bebilderung sollen wohl einen sanften Einstieg in die harten Fakten ermöglichen. Neben Bio-Schokolade-Produzenten, Opernball-Organisatorinnen, Fotografinnen, Hoteliers, Architektinnen, Gastronomen und Psychiatern haben sich dafür auch schon diverse Schauspieler, Schriftstellerinnen, alternative Volksmusikanten oder feministische Kabarettistinnen hergegeben.

Namentlich erwähnt gewährten im letzten Jahr etwa Persönlichkeiten wie Stella Rollig, Armin Turnher, Tex Rubinowitz oder Susanne Rogenhofer („DJ Sweet Susie“) interessante Einblicke in ihre jeweiligen Wohnlandschaften. Das Wohngespräch mit Stella Rollig ist leider nicht mehr im Standard-Archiv zu finden.