DEMOLISH SERIOUS CULTURE!!!

Das ist der Titel eines Buches von Alexander Brener & Barbara Schurz. Genesis Pi Rich hat das ominöse Ding zehn Jahre danach nochmal gelesen, eine Dienstleistung für die geneigte Rokko-Schickeria.

Dieses Buch könnte sich für manche vielleicht etwas odd lesen. Selbst für ein Zielpublikum mit vielseitigen Neigungen zu Freaktum und nonkonformistischen Sensationen. An dieser Stelle folgt: eine schamlos zusammengesampelte Ultra Short Version eines sensationellen hetzerischen Machwerks aus dem Jahr 2001. Achtung: Wer dieses Buch ernst nimmt und nicht etwa gleich über den ersten Splitter anarchistisch-autonomer Rhetorik stolpert wie ein Besoffener spätnachts über den erstbesten Randstein, riskiert einiges. Denn Teile davon treffen zielgenau. Auch dich.

Beim Wiener Verlag Edition Selene sind um 2000 eine ganze Latte an Texten von Brener & Schurz in Buchform erschienen. Neben dem großformatigen und schick layoutierten Stinken- Furzen-Scheißen Kompendium Was tun? 54 Technologien des Widerstands oder dem Text Bukaka spat in here (von der 2001 in Genua inhaftierten Volxtheater Karawane danach als Theaterstück umgesetzt) ist das vor allem das wunderbare programmatische Pamphlet DEMOLISH SERIOUS CULTURE !!!

Mit schreienden Großbuchstaben, drei Rufezeichen und in drei Sprachen (deutsch, englisch und russisch) stellen die beiden abwechselnd infantil, deklamierend, hetzerisch, höhnisch, zwischendurch auch mal differenziert die Frage: Was ist radikal-demokratische Kultur, und wem dient sie?

Eitle und kokette Furzer

Gleich zu Beginn werden die zu verwerfenden, aber eventuell doch wichtigen Referenzpunkte offen gelegt: Nicht der verreckte Situationismus, nicht die vom inneren Bolschewismus in die Fresse geschlagene RAF, nicht der expressionistische Poststrukturalismus von Deleuze, nicht die zweideutige „Subversion“ der Achtziger, nicht die doppelagentenhafte linke Einstellung Zizeks und seiner Adepten. Das wäre alles alter Plunder und eingetrocknete akademische Scheiße, so wie der Wachszwerg Ernesto Laclau oder die Quecksilbermamba Chantal Mouffe.

Doch es geht noch fundamentaler. Das Feld von Kunst und Kultur besteht für die beiden überhaupt hauptsächlich aus – im besten Fall naiven – KollaborateurInnen in der anonymen Maschine der neoliberalistischen Bullterrier und Ratten, im globalen kapitalistischen Automat der europäischen Zentren und der über den ganzen Erdball verstreuten Erste-Welt-Festungen.

An die professionellen Kulturschaffenden, Intellektuellen, KünstlerInnen, SchriftstellerInnen, Artisten mit ihrer zerdrückenden, vernichtenden, hegemonialen Sprache der Kulturkommunikation gewandt, halten sie fest: Ja, der Großteil von ihnen dient der Macht! Die heutigen Kulturschaffenden wären eine von der Macht gezähmte Herde eitler und koketter Furzer, und nicht mehr. Sie würden davon träumen, sich in die Reihen der neuen neoliberalen Elite einzugliedern und wollten hauptsächlich auf die glänzenden Seiten der Modezeitschriften kommen, neben die Models.

Die zeitgenössische Kunst wäre eine von schädlichen Gasen aufgeblasene, handlungsunfähige Kröte. Eine depolitisierte, gierige, verlogene, halbgebildete, doch schrecklich machtgeile und ambitiöse Elite. Diese würde die in einem von Versicherungsgesellschaften und internationalen Banken bezahlten gemütlichen Ghetto mit Bildern, Objekten, durchsichtigen Unterhöschen, Plastikpüppchen und toleranten Konzepten handeln – gemeinsam mit neoliberalen Politikern und Finanzbossen.

Hunderttausend Kulturhühner

Ganz besonders haben sie es auf den Begriff „Multikulturalismus“ abgesehen, der laut Brener & Schurz nur kichernd so bezeichnet werden würde. Multikulturalismus – das sei das pustende Krähen von hunderttausend Kulturhühnern, die in den internationalen Brutapparaten des Kapitals gezüchtet werden. Diese Hühner picken goldene, silberne und olivenfarbene Körner, die ihnen die ökonomische Elite zuwirft.

Ein schönes, wenn auch eher hoffnungsloses Bild für die prekäre zeitgenössische KulturarbeiterInnenschaft in den Sektoren Kunst, Wissensarbeit und Kreativwirtschaft. Von denen nur ein paar den Lottogewinn machen, und sich – um das Bild fortzuspinnen – abseits von Kunst-Olymp und Designer-Himmel hauptsächlich damit beschäftigen, sich gegenseitig die Augen auszuhacken.

Auf die Frage, wovon denn diese Kulturhühner sprechen würden, antworten die beiden: nur über ihren abgenudelten Nihilismus, ihren eitlen Narzißmus und ihre hoffnungslose Kollaboration. Den „Multikulturalismus“ möchten sie jedoch nicht mit zwei oder drei scherzhaften Wörtern abtun, er müsse gar heckenschützenartig ins Visier genommen werden.

Ihre Kritik des Multikulturalismus ist grundsätzlich eine antirassistische Kritik. Die Eliten würden in diesem Feld mit kulturellen Identitäten spielen und diese betrachten, betasten und durchwühlen wie ein Sklavenbesitzer die Ware am Sklavenmarkt. In der Ideologie des Multikulturalismus diagnostizieren sie eine Nivellierung soziopolitischer Konflikte mithilfe von Kulturinitiativen. Die Diagnose „Opium fürs Volk“, leicht variiert. In Folge wäre es notwendig, die ganze Struktur der heutigen Kultur, all ihre monströsen Institutionen zu zersprengen, zu zerfetzen und zu ruinieren und in ein staubiges Nichts zu verwandeln. Nichts weniger als das.

Damit hier kein Missverständnis entsteht: Brener & Schurz sind keine kulturpessimistischen Konservativen. Mit dem in Werbeagenturen oder im Pop-Business allgegenwärtigen abgeklärten Zynismus haben sie nichts am Hut. Auch nicht mit rechtem Kulturrelativismus, nationaler Kollektivromantik à la „Gesellschaft der bedrohten Völker“ oder gar mit dem Göbbels´schen Diktum „wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver“. Der Feind ist der Staat, genauer: der nationale Wettbewerbsstaat.

Auch nach dem Ende des realen Sozialismus, nach dem sogenannten Ende der Geschichte (das Buch erschien noch vor 9/11) sei der scheinbar „schlanke“ Staat immer noch die Basis für den neoliberalistischen Kapitalismus und deshalb zu bekämpfen. Sie wenden sich wiederholt gegen die ökonomische, rechtliche, soziale Ausschliessung von MigrantInnen, Arbeitslosen, Besitzlosen, Machtlosen und anderen unterdrückten Gruppen. Und gegen Schengen-Europa und immer wieder ganz allgemein gegen Rassismus und Sexismus. Auch wenn sich das für zynische Loser des 21. Jahrhunderts vielleicht seltsam anhören mag.

Lächerliche Akte

Bei Brener & Schurz wird in Texten oft zwischendurch gelacht, HA HA HA schreiben sie immer wieder und dichten daraufhin dadaistische Reime. Doch schnell wird wieder auf die Polemik mit den fetten Adjektiven umgeschalten und festgehalten: in dieser Vaseline-Welt sei zwar das arschbackig-faule Wort Demokratie in aller Munde, alle würden sich Demokraten nennen, vom widerwärtigen Populisten Jörg Haider über den russischen KGB-Präsidenten Putin bis zum türkischen NATO-General. Gegen diese real existierende Demokratie bringen sie eine Alternative in Stellung: die Agenda von Emanzipation, Partizipation, Autonomie und Selbstorganisation, die radikal-demokratische Kultur.

Diese radikal-demokratische Kultur sei kein utopisches Projekt, sondern widerständige Handlung, die bereits hier und dort existiert, und zwar unmittelbar und fragmentiert. Eine direkte und praktische Teilnahme aller sei notwendig. Gegen die Worte, gegen den zombifizierten kritischen Diskurs setzen sie einzig und allein: Akte. Sollen diese Akte der von der Theorie beruhigten Mehrheit gar als unnötig, begrenzt, idiotisch erscheinen. Es gelte, sich keinesfalls vor nicht durchdachten, fehlerhaften, vorzeitigen oder lächerlichen Akten zu fürchten. Denn: alle guten Akte wären lächerlich.

Die Unterdrückten, die würden zwar hin- und herlavieren zwischen stotternder Agonie, Widerstand, Liebe und Verzweiflung. Ihre Schicksale und ihre Sprache würde die Aufmerksamkeit der Starken und Satten nur dazu erregen, damit diese sich ein weiteres Mal von ihrer eigenen eitlen Nutzlosigkeit, ihrer kokettierenden Falschheit, ihrer reflexiven Ohnmacht überzeugen könnten.

Die armen und mächtigen Lieder der Unterdrückten, ihre wehmütigen und ekstatischen Melodien und ihre lächerlichen und herzzerreißenden Verse wären zwar vorhanden, allerdings fast nicht mehr von der elitär-institutionalisierten Massenkultur zu unterscheiden. Das multikulturalistische Mosaik schimmere schrecklich bunt und verstecke in seiner travestischen Buntheit die schreienden Spuren von Ungleichheit.

Trotzdem könnten die tschetschenischen Flüchtlinge in Rußland, die albanischen Flüchtlinge in Italien (remember: 2000) und außerdem die brasilianischen Jugendlichen, die einander auf der Straße umbringen eventuell als zerrissene Stücke, Splitter in der nahen Zukunft einen explosiven Mix an Aufstand bilden. Die Kultur des wilden und selbstgemachten Aufstands, die Kultur gewaltsamen Aufstands, die Kultur eingeschlagener Vitrinen und ausgeraubter Geschäfte. Das klingt nach „Antiglobalisierungsbewegung“ und Seattle und Genua, das ist der „kommende Aufstand“ von vor elf Jahren.

Geliebte Unterdrückte

Geliebte Unterdrückte, schreiben sie, erlaubt nicht, dass euch eure Kultur aus den Händen gerissen wird. Brener & Schurz gehen davon aus, dass Kultur nicht nur von Fachleuten gemacht werden könnte, sondern insbesondere auch von Witwen, Idioten vom Land, AlkoholikerInnen, New-WaverInnen, Häftlingen, einfachen Laien, SchülerInnen, IndianerInnen, Bangladeschern, somalischen Hirten, ZirkuskünstlerInnen, Blumenverkäufern, Alten, weiß der Teufel wem. Die Selektion, Präsentation und Konservierung der Fachleute erscheint ihnen zweifelhaft. Denn das eine konservierend und präsentierend, würden sie immer etwas anderes vernichten und verstecken. Gut, das mit dem New Wave lassen wir jetzt mal außen vor.

Überhaupt wären die Kulturschaffenden natürlich nicht alle eins, neben den Erfolgreichen und selbstsicher zum Erfolg gehenden gäbe es auch die Unzufriedenen, Frustrierten, Zweifelnden, Weggeworfenen, in Depression verfallenen, Zurückgebliebenen, den Glauben verloren habenden, Verbitterten. Und an die wird sich gewendet.

Brener & Schurz schlagen ganz praktisch vor, das mit dem Archiv und der Dokumentation völlig sein zu lassen – ein Frontal-Angriff im Zeitalter von Ich-AG und Ego-Marketing. Das patriachale, eurozentrische kulturelle Gedächnis sei eines der Hauptursachen für den ganzen Scheiss. Dieser sehnlichste Wunsch aller Kulturschaffenden, ins große hegemoniale Archiv zu gelangen, würde dieser Chose in die Hände spielen. Deshalb plädieren sie dafür, komplett aufzuhören, für das Archiv, das Geld und den Erfolg zu arbeiten. Als Gegenmodell der Aufruf: Kunst hier und jetzt, blitzartig und sprühend und keine Dokumentation…eins, zwei und aus!

Zwei revolutionäre Katzen

Denn nichts gegen die Kunst im Allgemeinen. Die Kunst müsse irrsinnig vielfältig sein und unendlich kompliziert, sie müsse alle Leute begleiten, alle und überall, sie müsse jedem und jeder unter die Haut gehen, im Inneren jeglicher Existenz pulsieren und diese aufständisch und fruchtbar machen.

Im Gegensatz dazu pulsiere momentan im Inneren jeglicher Existenz Angst und unter der Haut eines jeden und einer jeden Machtbeziehungen. Niemand wüsste, was Kunst sei, doch alle könnten sie machen. Alle, Kinder und Alte, Mädchen und Burschen, Schwarze und Gelbe, Kranke und Gesunde, Verrückte und weniger Verrückte.

Aber keine positive Utopie ohne Relativierung: die pseudodemokratischen Mythen von Beuys hingegen – einem der Hauptrepräsentanten der hegemonialen Kultur – die seien nicht viel wert. Im Zeitalter von gottähnlicher Beuys-Musealisierung lässt sich dem nicht viel hinzufügen. Militär, Gefängnis, Polizei, Banken, Krankenhäuser, Universitäten und Museen nennen sie in einem Atemzug.

Brener & Schurz verstehen sich als zwei revolutionäre Katzen, die seit vielen Jahren im sterilen und leblosen Nabel des Vereinten Europa verzweifelt gegen die Macht schreien. Sie würden diese Sampling-Zusammenfassung des 70seitigen Machwerks natürlich als ganz und gar schändliche Verfälschung und Vereinnahmung qualifizieren. Es wäre ihnen auch nicht zu verdenken. Denn es fehlen nicht nur die ganzen wunderbaren infantilen Reime, die viele Kapitel des Buchs unterbrechen und erst so richtig auf den Punkt bringen. Das macht aber nichts.

Der schöne Titel-Slogan „DEMOLISH SERIOUS CULTURE “ ist übrigens auch ein Sample, ein fettes sogar. Eingesetzt u.a. vom Fluxus/Concept/Anti-Art Aktivisten Henry Flynt (USA, 1962) oder vom Chef-Neoisten Stewart Home (UK, 1990).

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