Shit and Destroy

In Einleitungen zu derartigen Artikeln werden sie manchmal als “Kunstterroristen” oder “Bonnie & Clyde der Kunstszene” bezeichnet. Auf derart verblödete Labels stehen die beiden eigentlich gar nicht. Dafür steht das vagabundierende Duo Alexander Brener und Barbara Schurz seit vielen Jahren für destruktives Lästwanzentum, brachialen Eiterbeulen-Charme, invasive Vor-Ort-Performanz und für kitschige Collagen. Und für wilde, radikale Pamphlete mit vielen eingeschobenen HAHAHAs. Trotzdem sind sie im Feld der symbolischen Intervention vielleicht eine der letzten ernsthaften Bastionen im Zeitalter des totalen Spektakels.

Ende 2010 ging in Wien die Angst um. Zumindest unter den Beteiligten bei wohlfeilen Vernissagen in Galerien und Museen, bei kritischen Podiumsdiskussionen, coolen subkulturellen Events und bei anderen On- und Offspace-Veranstaltungen auf den intensiv bewirtschafteten Feldern der hauptstädtischen Kunst und Kultur.

Kommen sie oder kommen sie nicht? Hoffentlich kommen sie nicht. Falls sie doch kommen: wie reagieren? So tun, als ob nichts wär? Ignorieren? Aussitzen? Checken wir uns harte Männer, Securities mit verschränkten Armen und bösem Blick? Oder holen wir im Fall des Falles gar die Polizei? Also all jene Gedanken, die sich ordentliche VeranstalterInnen machen, wenn es um den möglichst reibungslosen Ablauf von lange geplanten Angelegenheiten im Mittelpunkt der Welt geht. Vor allem wenn eine potenzielle Bedrohung im Raum steht.

Die Bedrohung trug die Namen Alexander Brener und Barbara Schurz. Der eine vermutlich geboren 1957 in Kasachstan, die andere wahrscheinlich 1973 in Kärnten. Kurz: Brener & Schurz. Das nomadisierende, ungleiche Pärchen hatte vor zehn Jahren schon mal drei Jahre in Wien verbracht, 2001 gingen sie dann nach London, Russland, Spanien, Deutschland, in die Türkei, nach Slowenien und so weiter, niemand weiß das so genau.

Im Oktober 2010 kehrten sie zurück und beehrten wieder einmal den eingespielten Wiener Veranstaltungsbetrieb. Und das beinahe täglich, mehrere Wochen lang. Mit akribischer Vorbereitung, strengem Zeitplan und gut ausgerüstet klapperten die beiden teils mehrere Veranstaltungen pro Abend ab und beglückten die Anwesenden mit einem vielseitigen Instrumentarium unverhoffter Verstörung. Wenn penetrantes Gelächter, lästige Zwischenrufe oder lustiges Rumgebrülle nicht ausreichten, wurde die mitgebrachte stinkende Scheiße ausgepackt und am eigenen entblößten Körper, im Gesicht oder sonstwo rumverschmiert, Kollateralschäden nicht ausgeschlossen.

Die Serie

Neben Kunsthalle, Tanzquartier oder dem Museumstanker MUMOK – alle drei im Freizeit-Erlebnispark Museumsquartier beheimatet – waren etwa die Valie Export-Ausstellung im Belvedere und mehrfach Galerien im ersten Wiener Gemeindebezirk betroffen. Die verkackten Besuche galten aber auch lockeren Zusammenkünften wie einer Viennale-Party am Badeschiff (DJs gelitin) oder der RIP-Party der Bobo-Videothek Alphaville. Die Akademie der bildenden Künste fühlte sich gleich derart hochfrequent heimgesucht, dass sich die Elite-Kaderschmiede gar zu einem Hausverbot hinreißen ließ.

Besonders interessiert zeigen sich Brener & Schurz immer, wenn wo „kritischer Diskurs“ draufsteht. Das tut es heute oft gerade auch in den großen Institutionen, diese sind aber nur ein Teil des Spaßes. Darum auch ein Auftritt wie bei der Präsentation des durchaus lesenswerten Buches „Kritische Strategien in Kunst und Medien“ (Autonomedia, 2010). Dort ließ es Brener noch bei leger von sich gestreckten Beinen, einer Kaskade von „This is bullshit!“ Rufen und einem kleinen Wurfgeschoss Richtung Podium bewenden. Dass er dabei ausgerechnet in Richtung einer migrantischen Frau gezielt hat, wo doch auch andere Podiumsteilnehmer zur Verfügung gestanden hätten, fällt vielleicht unter Kollateralschaden.

Nach einem originellen Abgang inklusive Bussi-Bussi mit der symphatischen Akademie-Professorin Marina Grzinic wurde die Eröffnung von „Living across. Spaces of Migration“ besucht. Dort waren wohl kaum die mehrheitlich von migrantischen KünstlerInnen bespielten Ausstellungsinhalte gemeint. Viel eher der Rahmen und vielleicht das Sponsoring seitens der „Erste Bank“, die bekanntlich gemeinsam mit anderen großen österreichischen Banken an einer Art Reinstallation der Monarchie in Richtung Osteuropa arbeitet.

Viel offensichtlicher der Grund für die Invasion bei einer Performance des an sich superen Queer-Artist Jakob Lena Knebl & Co. Das wurde höchst kontrovers diskutiert, aber sorry: Wer sich bei einem prototypischen Kunstmarkt-Event im ersten Bezirk inklusive prominent beworbener Abschluss-Auktion mit der Geschäftsführerin von Sotheby´s reinhängt, dessen Pressetext vor dümmlichen und grausamen Sätzen nur so strotzt, muss sowas aushalten. Passiert eh nur einmal alle 100 Jahre.

Den Rahmen sprengen

Hauptziel der kleinen Überfälle von Brener & Schurz letzten Herbst waren immer die Sprechenden, die Vorführenden, die KuratorInnen, die Vortragenden, die AkteurInnen, die Institutionen. In zweiter Linie aber durchaus auch der ganze Rest: das Nervenkostüm der Anwesenden war regelmässig schnell mal am Limit. Die verschissenen Abweichungen von den steifen abendlichen Dramaturgien schlugen sogar abgebrühten Intim-FreundInnen von Wiener Aktionismus, Death Metal, Splatter Movies und queeren Skinhead-Pornos schnell auf den Magen. Und das unabhängig von deren Rolle und Einfluss im Hauptstadt-Kulturbetrieb. Schließlich ist auch der untergeordnetste Loser-Zaungast an das „Mitleid“ mit den Mächtigen gewöhnt. Und nichts schmerzt mehr als ein Angriff auf König, Kanzler, mühsam erlernte soziale Codes und Alphatiere im Kunstsektor.

Aber nur ein „wirklicher“ Angriff hat das Potenzial zur Verstörung, nur ein Angriff, der die situative Ordnung durcheinanderbringt. Nicht etwa ein Ritual, das Teil des Spiels ist. Der gefällig-originelle Weirdo-Kasperl bei der Bobo-Party, die radikal-abgesteckte „Intervention“ bei der Vernissage oder die kontrollierte wilde Eskalation im schweißgetränkten Publikumsraum einer avantgardistischen Noiserock-Show oder im Hipster-Club: das ist alles ulkig und erfrischend, tötet die Langeweile, tut aber in den seltensten Fällen weh. Weil mit Sicherheitsabstand und außerdem meistens durchgestyled bis zum Exzess.

Ungestyled und verdreckt

Bei Brener & Schurz ist das etwas anders. Ihre unerwünschte Präsenz ist wenig gestyled, wirkt grundsätzlich „peinlich“ und hat dazu von vornherein etwas verstörend Destruktives bis physisch Bedrohliches. Das kommt nicht von ungefähr. Denn sie agieren nicht nur kreischend, mit nackten Popos oder mit rumverschmiertem Exkrementen unterschiedlicher Konsistenz, sondern bei Bedarf auch mit physisch-gewalttätigen Gesten. Vom Spucken über kleine Wurfgeschosse bis zur Sachbeschädigung ist vieles drin. Manchmal gab’s auch schon deftigere physische Auseinandersetzungen. Wobei: das eigentlich nur als Endresultat beherzter Initiativen seitens selbsterklärter oder professioneller Securities.

Beteiligte und Publikum reagieren allerdings oft schon auf kleine Überschreitungen des wohldefinierten Settings recht erschüttert. Üblicherweise: Hier das Vernissagen-Ritual, der strenge White Cube, der wohlorganisierte Club, dort das radikale künstlerische Artefakt als eingegrenztes, eingezäuntes und vakuumverpacktes Stück Scheiße. Eine Überschreitung dieses Rahmens wird vielleicht ähnlich empfunden wie etwa das Auftauchen eines pöbelnden, desorientierten, stinkenden Sandlers in einem U-Bahn-Waggon.

In einer derartigen Situation versuchen die meisten, nur ja nicht aufzufallen. Einige reagieren vielleicht doch und eskalieren, der Großteil verspürt Ekel und wird aggressiv, zumindest im Nachhinein. Im Fall von Brener & Schurz blenden viele anscheinend im Moment des Ereignisses völlig aus, in welchem Kontext deren Präsenz statt findet. Denken aus, Angst und ohnmächtige Aggression an. Kunst-Kontext plötzlich wie weggeblasen. Von Brener&Schurz-Auftritten in U-Bahn-Waggons ist jedenfalls nichts bekannt.

Langeweile und Aggression

Viele warfen den beiden auch ganz abgeklärt Anachronismus vor, das wäre doch „alles schon dagewesen“. Und waren danach trotzdem fuchsteufelswild. Im Lauf der Wochen steigerte sich diese aggressive Betonung der „Langeweile“ immer mehr und die Sache entwickelte sich fast zum Stadtgespräch. Obwohl sich das Kartell der Wiener Kulturjournalismus-Elite darauf geeinigt hatte, die Geschichte weitestgehend totzuschweigen. Auch wenn der Vorwurf des Anachronismus natürlich nicht von ungefähr kommt – gibt es doch eine lange Geschichte des Anti-Art-Aktivismus von Dada über die 1960er, Institutional Critique, Situationismus, Punk, Neoismus – angesichts dieser Betonung bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Darüber hinaus wurde Brener & Schurz gar der Vorwurf des taktischen Provo-Karrierismus gemacht. Dabei könnte nichts falscher sein. Brener & Schurz meinen ihre Absage an Style, Dokumentation und an den künstlerischen CV sowas von ernst, das ist nach einer kurzen Google-Suche sofort mehr als klar. Wo heute jede noch so bescheuerte künstlerische Ich-AG gleich mal eine umfassende Website mit aufgeblasenen Referenzen und einem erbärmlichen biografischen Wulst online stellt, findet sich bei Brener & Schurz: so gut wie nichts. Auch wenn in der Wiener Galerie Knoll im Frühjahr 2011 einige Werke der beiden unter dem Titel „Last seen entering the MUMOK“ zu sehen waren – der Vorwurf des Karrierismus ist wohl viel eher eine Projektion.

Wobei, ganz total stimmt das auch nicht mit der fehlenden Dokumentation. Einige wenige Dinge sind zu finden, beispielsweise ein altes, aufschlussreiches, schönes Video von Brener auf Youtube. Er steht inmitten eines Meers aus roten Blumen im grauen Mantel auf dem Moskauer Lubyanskaya Platz und schreit manisch, mit erhobenen Armen und sich in alle Richtungen wendend: „Hello, I´m your new commercial director!“ Das Video stammt aus dem Jahr 1995, also aus den Jahren des russischen Turbokapitalismus gleich nach dem Untergang des autoritären Sowjet-Regimes. Das ist lange her.

Dazu hat Brener im Moskauer Puschkin-Museum vor ein Bild von van Gogh geschissen, die weißrussische Botschaft mit Ketchupflaschen beworfen (und wurde zusammengeschlagen) oder im Amsterdamer Stedelijk-Museum ein Bild von Malewitsch mit einem Dollarzeichen übermalt (wofür er im Gefängnis gesessen hat).

Let´s get real

Die beiden fordern Partizipation ein, wo Partizipation draufsteht. Sie fordern Kritik ein, wo Kritik draufsteht. Ganz ernsthaft. Sie weigern sich, die Integration von „partizipatorischer Kritik“ in die Institutionen, den Markt und die damit verbundene Rollen, Abhängigkeiten, Widersprüche und schlussendlich die Machtverhältnisse auszublenden. Sie fokussieren nicht nur auf zynische Innenminister, populistische Rechtsextreme oder Wirtschaftsbosse, sondern auch auf die scheinbar „Guten“. Deren Rolle betrachten sie als – im besten Fall naives – Handlangertum.

Der Aktionismus von Brener & Schurz ist ziemlich unwirksam, sie haben aber auch gar nicht mehr vor. Der einzige Vorwurf könnte darin bestehen, dass sie zu sehr dem hochkulturellen Kunstfeld und deren steifen Institutionen verhaftet wären. Wenn im Kunstfeld der Widerspruch zwischen kritischem Gestus und radikalem Markt einem Balanceakt auf der Schneide einer Rasierklinge gleicht, so fallen die „subversiven“ Falten in den Polstern von Musik-, Design-, Mode- und Web-Business anno 2011 schneller in sich zusammen, als sie sich überhaupt falten können.

Diese Welt der flexiblen Netzwerke aus kreativen Ich-AG s ist heute treibende Kraft im Zeichenkapitalismus und erfüllt mit all ihrer „nonkonformistischen“ Innovation inzwischen vielleicht sogar viel besser die Rolle, die Brener & Schurz immer noch hauptsächlich dem elitären Kunstfeld zuschreiben. Eine kleine Erweiterung des Fokus wäre da durchaus möglich, aber das könnte ja auch jemand anders übernehmen. Darum ein harmonischer Vorschlag zum Schluss: Scheißen wir doch einfach ein bisserl mehr in Richtung Kreativwirtschaft.

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